Mit dem neuen Service Proof-of-Patient-Presence (PoPP) entwickelt die gematik einen weiteren grundlegenden Baustein der Telematikinfrastruktur 2.0. Mit PoPP wird es für Patient*innen möglich, digitale Gesundheitsdienste auch über entfernte Web-Dienste zu benutzen, ohne die elektronische Gesundheitskarte (eGK) über ein Kartenterminal mit angeschlossenem Konnektor stecken zu müssen. Dies ist aber schon heute mit dem Produkt CardLink für das Einlösen von E-Rezepten möglich. Daher stellt sich für Nutzer*innen von CardLink die Frage, ob und wie sie sich schon jetzt auf PoPP vorbereiten sollen, insbesondere da PoPP in der ersten Ausbaustufe schon für 2026 geplant. Um diese Frage zu beantworten, schauen wir hier aus konkreter technischer Sicht darauf, was PoPP mit CardLink zu tun hat und was das für die strategische Planung von CardLink-Anwendern bedeutet.
(Dieser Artikel wurde nach einer Diskussion in Linked erweitert. 1.2.2026 und nach der Veröffentlichung der PoPP-Spec am 16.3.2026)
Was ist CardLink?
CardLink ist ein Fachdienst, der nur für den Anwendungsfall geschaffen wurde, E-Rezepte über eine App oder eine Web-Anwendung einzulösen. Vor CardLink war das Einlösen nur möglich, indem die Versicherte ihre eGK in ein sicheres Kartenterminal steckte, das an einem TI-Konnektor angeschlossen ist, und so das E-Rezept freigegeben hat.
Die pragmatische Lösung der gematik bestand darin, dass CardLink eine NFC-fähige App bereitstellt, die für den TI-Konnektor wie ein sicheres Kartenterminal (eHealth Kartenterminal) benutzt wird, aber nur den E-Rezept-Anwendungsfall unterstützt. Hierfür wird ein weiterer TI-Fachdienst eingesetzt, das Versichertenstammdaten Management (VSDM) in der Version 1.
Ein exemplarischer Ablauf der einzelnen technischen Schritte ist in aller Kürze wie folgt:
- Über eine App auf dem Smartphone, die einen CardLink-Zugang zu einem TI-Konnektor hat, bevollmächtigt die Versicherte mit ihrer eGK das Apothekersystem, einen Zugriff auf die Versichertenstammdaten im Namen der Versicherten durchzuführen.
- Mit dieser Vollmacht greift das Primärsystem über den TI-Konnektor auf den VSDM-Fachdienst zu. Wenn die eGK gültig ist, erstellt das VSDM einen Prüfnachweis und liefert diesen mit den Versichertenstammdaten zurück.
- Die Apotheke kann dann sicher sein, dass die eGK gültig ist und die Versichertenstammdaten auf Plausibilität prüfen.
- Mit diesem VSDM-Prüfnachweis wird nun das E-Rezept über den E-Rezept-Fachdienst eingelöst.
So können E-Rezepte eingelöst werden, ohne die eGK lokal in ein Kartenterminal in der Apotheke stecken zu müssen.
Was ist PoPP?
Im Rahmen der neuen Telematikinfrastruktur 2.0 wird die gesamte Infrastruktur modernisiert mit dem Ziel, die Nutzung aller Dienste sowohl zu vereinfachen und als auch flexibler und sicherer zu gestalten. Hierfür wird schrittweise die Perimeter-basierte Sicherheitsarchitektur, die u.a. über den TI-Konnektor umgesetzt wird, durch eine modernere und flexiblere Zero-Trust-Architektur (ZETA) ausgetauscht. In dieser neuen TI-2.0 dient der Service Proof-of-Patient-Presence (PoPP) dazu, sicherzustellen, dass die Patienten, für die Versorgungsleistungen erbracht und berechnet werden, auch die richtigen Patienten sind.
In dem ersten großen Schritt der TI-2.0 wird fachlich die neue Version des Versichertenstammdatenmanagement-2.0 umgesetzt. Hier steckt der Versicherte beim Arzt über das sichere TI-Kartenterminal seine eGK. Per PoPP wird ein Nachweis erzeugt, der an den lokalen ZETA-Klienten im Primärsystem weiter gereicht wird. Damit kann das Primärsystem auf den neuen VSDM-2.0 Fachdienst zugreifen, der über ein ZETA-Guard geschützt ist. Dies ermöglicht dem Primärsystem auf die aktuellen Versichertenstammdaten zuzugreifen und diese lokal in der Patientenakte zu speichern.
In der nächsten Phase wird PoPP auch mit anderen Möglichkeiten die Anwesenheit von Versicherten prüfen können. Hierzu gehört insbesondere die Nutzung von NFC-fähigen Smartphones, um die eGK auszulesen, aber auch die neue GesundheitsID.
Was passiert 2026?
Es gibt aktuell Befürchtungen, dass mit dem Einsatz von PoPP die Alternative CardLink obsolet wird, z.B. Card Link nähert sich dem Ende oder E-Rezept und ePA: PoPP-Dienst ersetzt VSDM++ und CardLink. Wie oben beschrieben, ist dies perspektivisch sicher richtig. Für 2026 ist aber zunächst die erste Phase geplant, die sich nur auf VSDM 2.0 und die Integration in die aktuelle TI-Konnektor-basierte Infrastruktur konzentriert. Diese soll Mitte 2026 abgeschlossen sein. Da die Herausforderungen hier aber für alle Beteiligten, insb. auch alle betroffenen Primärsystemherstellern hoch sind, ist davon auszugehen, dass es mindestens bis Ende 2026 dauern wird, bis sich die erste Phase im Feld komplett durchgesetzt hat. Bis dahin werden die alten Systeme noch weiterlaufen.
Die zweite Phase beinhaltet die Verfahren, die kein Kartenterminal und damit keinen TI-Konnektor mehr benötigen.
Um CardLink aber architekturmäßig sauber ersetzen zu können, muss der E-Rezept-Fachdienst auch TI-2.0 und damit PoPP-fähig gemacht werden. Die gematik ist sicherlich schon an diesem Thema dran. Aktuell sind dem Autor dieses Textes aber keine Spezifikationen hierfür bekannt. Es ist davon auszugehen, dass diese erst kommen werden, wenn auch die PoPP-Spezifikation finalisiert ist. Und nach Abschluss der Spezifikation muss diese auch noch umgesetzt werden.
Damit das E-Rezept (und auch die ePA) in dieser Übergangsphase aber funktionsfähig sind, hat sich die gematik eine Zwischenlösung überlegt.
Wie wird der Betrieb des E-Rezepts und der ePA ohne VSDM 1.0 gesichert?
Nach der Roadmap der gematik (Version vom 1.3.2026) sollen die VSDM-1.0 Anbieter in Q1/27 abgeschaltet werden. Damit würden alle Fachdienste, die eine Zugriffsautorisierung via VSDM-Prüfungsnachweis durchführen, also insbesondere auch das E-Rezept, ohne Anpassung an PoPP nicht mehrfunktionsfähig sein. Um dies zu vermeiden, bietet der PoPP-Service für eine Übergangsphase ebenfalls einen VSDM-Prüfungsnachweis an. Die E-Rezept-Klienten müssen also nur auf den PoPP-Service umgestellt werden. Es sind keine weiteren Änderungen in den Klienten und insbesondere nicht im E-Rezept-Fachdienst notwendig.
Wie genau der VSDM-Prüfungsnachweis (VSDM-PN) vom PoPP-Service bereit gestellt wird, ist dem Autor aus den Spezifikationen nicht ersichtlich. Insbesondere in der ersten am 3.3.2026 veröffentlichten Version wird dieser VSDM-PN nicht erwähnt. Aktuell läuft die Schnittstelle zum VSDM über einen TI-Konnektor. Der PoPP-Service wird sicherlich anders verfügbar sein.
Auch ist noch nicht ganz klar, wann der VSDM-PN vom PoPP-Service so bereit gestellt wird, dass er CardLink ersetzen kann. Die Implementierung des PoPP-Service ist in mehreren Umsetzungsstufen geplant. Die Unterstützung der eGK-Authentisierung am Versicherten Endgerät ist die vorletzte. Und genau diese ist notwendig, um CardLink ersetzen zu können.
Was bedeutet das für die strategische Planung?
Nun ist insbesondere die Zukunft schwierig vorherzusagen. Aus der eher technischen Betrachtung des aktuellen Zustands erscheint es eher unwahrscheinlich, dass schon 2026 der neue Dienst PoPP das etablierte CardLink ablösen kann. Je nachdem, wie schnell sich die erste Phase der TI-2.0 Umsetzung im Markt etabliert, könnte 2027 möglich sein. Betrachtet man die Zulassungen der CardLink-Anbieter findet man Produktanbieter, die eine Zulassung bis September 2028 haben. Das vermittelt den Eindruck, dass man für einen Umstieg noch etwas Zeit hat. Umgekehrt ist aber auch klar, dass in den nächsten Jahren CardLink durch das moderne PoPP abgelöst werden wird.
Nach Meinung des Autors sollten alle Institutionen, die CardLink im Einsatz haben, die Entwicklung bei PoPP beobachten. Etablieren sich dort irgendwann zugelassene Produkte, welche CardLink ersetzen können, dann ist ein Wechsel zügig einzuplanen. Da die Grundlagen hierfür aktuell noch fehlen, existiert aktuell (Februar 2026) kein hoher Zeitdruck.

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